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Über die fatale Logik von Propaganda – und wie sie durch Satire überwunden werden kann

Lektion 16 – Dekadente Nationen
Nationen, die (...) freie Meinungsäußerung gestatten. (...) Nationen, die es zulassen, den Krieg zu hassen.


So steht es auf einem Flugblatt, das Anfang 1942 Maschinen der britischen Royal Airforce One über den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten abgeworfen haben. Es sollte allen, die in einer gleichgeschalteten Pressewelt lebten, eine andere Lesart oder Definition der gängigsten Nazi-Begriffe und Thesen anbieten. Für die Umsetzung dieser pädagogisch-aufklärerischen Absicht holte das britische Informationsministerium keinen Geringeren als den im Londoner Exil lebenden Illustrator Walter Trier, den bekannten Zeichner der Erich Kästner-Bände, und ließ ihn unverhohlen eindeutig und sarkastisch Bilder des »arischen Typus«, gelungener »Mitarbeit« und wirkungsvoller »Schutzmaßnahmen« zeichnen. Die erklärenden Bildunterschriften lieferte der irische Journalist Frank Dowling.

Diese Sammlung an Illustrationen mag heute skurril und komisch wirken, erschütternd ist dennoch der Bezug zur realen politischen und militärischen Situation. Wenn Wladimir Putin von »Entmilitarisierung« und »Befreiungsaktion« spricht, beruft er sich auf eine russische Propaganda-Tradition, die auch bereits für die zynische und menschenverachtende Rhetorik Joseph Goebbels' ein Vorbild war. Mit den Mitteln der Kunst Verantwortung zu übernehmen und Stellung zu beziehen ist daher wichtiger denn je.



Nachdruck des illustrierten Original-Flugblatts mit allen »22 Lektionen« und Kommentaren. Mit einem Vorwort von Max Czollek sowie Anmerkungen der Walter Trier-Expertin Antje M. Warthorst.


Zweisprachige Ausgabe

 

 

 

 

 

Aus dem Vorwort von Max Czollek:


Der besondere Stil Triers, den der Künstler selbst einmal als grotesk bezeichnet, besteht weder in reiner Sachlichkeit, politischem Kommentar oder übertriebener Groteske, sondern in einer Mischung aus allen dreien: die ironische Überzeichnung des Realen aus einer Haltung ernsthafter Menschlichkeit. Der Witz Triers ist ein Ort, an dem die Gegenwart in ihrer Absurdität sichtbar und in ihrer Sichtbarkeit erträglich wird. Seine Kunst beharrt noch angesichts der größten Katastrophen darauf, dass die Dinge sich ändern können, weil sie es müssen. 1936 entkommt Trier der Gestapo um eine Federspitze mit Frau und Kind in Richtung London. Seinen Besitz, seine Bilder und die unerledigten Aufträge muss er zurücklassen. Aber auch aus dem Exil weiß er sich zu wehren, dabei entstehen eine ganze Reihe antifaschistischer Karikaturen, deren wohl markantester Ausdruck die vorliegende Flugschrift »Nazi German in 22 Lessons« ist.

 

 

Walter Trier. Nazi-German in 22 lessons – Nazi-Deutsch in 22 Lektionen

Artikelnummer: ISBN 978-3-96849-053-3
14,00 €Preis
inkl. MwSt.
  • Autoren

    Walter Trier
    Geboren in Prag, studierte er zunächst an der dortigen Kunstgewerbeschule und Kunstakademie, anschließend in München bei Franz von Stuck. Unmittelbar nach dem Examen wurde er nach Berlin abgeworben, wo er bis zu seiner Flucht vor den National­sozialisten 1936 glücklich lebte und arbeite­te. Die Stationen seines Exils waren London, Toronto und schließlich Collingwood, On­tario, wo er 1951 in seinem Atelier verstarb.

    Max Czollek
    Lebt in Berlin. Geboren am 6. Mai 1987 in Ost-Berlin als Maximilian Ruben Czollek ist ein deutscher Publizist, Lyriker und Organisator. Czolleks Gedichte wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Er schreibt Artikel zu tagespolitischen Themen für zahl­reiche deutsche und internationale Medien. Zuletzt erschien von Ihm der Essayband „Gegenwartsbewätigung“.


    Dr. Antje M. Warthorst

    Lebt in Konstanz. Sie studierte Kunstgeschichte und Archäologie u. a. an der Pariser Sorbonne, mit Schwerpunkt auf der Malerei der Frührenaissance. Während ihrer Tätigkeit an den „Staatlichen Museen zu Berlin“ 1997 auf den in Vergessenheit geratenen Walter Trier aufmerksam geworden, ist sie seither darum bemüht, Werk und Bedeutung dieses Künstlers hochzuhalten. Das 2007 von ihr gegründete „Walter Trier-Archiv“ dient der Erfoschung des Werkes von Walter Trier, der kritischen Grafik im Allgemeinen und des „Grotesken Realismus“ im Besonderen.

    https://www.walter-trier.de

  • Infos

    2022

    Mit einem Vorwort von Max Czollek und 
    Anmerkungen von Antje M. Warthorst
    Englische Übersetzung von Jon Cho-Polizzi

     

    12 x 17 cm, 22 Tafeln, 80 Seiten, gebunden
    Alle Texte in Deutsch und Englisch

  • Presse

    »Dass dieses Wörterbuch des Totalitarismus nach 80 Jahren in einer kommentierten Neuausgabe erscheint, ist ein Glücksfall.«

    (Der Tagesspiegel)

     

    »80 Jahre später erscheint Nazi-German in 22 Lessons im Verlag Favoritenpresse erneut, zweisprachig und historisch eingeordnet. Der Verlag konnte nicht vorausahnen, was just zum Zeitpunkt der Veröffentlichung geschehen würde – dass die Welt in der Ukraine einen Krieg mit noch unabsehbaren Folgen erlebt. Wieder geht es um eine Spirale der Propaganda, um zynische Phrasen und Floskeln. Manche Analysten haben die Situation schon vor der russischen Invasion mit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg verglichen.«
    (Spiegel Online)


    »Der Berliner Favoritenpresse kommt das Verdienst zu, nicht allein einen Bildband zu allen Facetten der Kunst Walter Triers sowie eine Biografie des Zeichners bereitgestellt zu haben, beide verantwortet von Antje M. Warthorst, der führenden Expertin für Triers Leben und Werk, sondern mit dem Nachdruck der kleinen Broschüre aus Kriegszeigen (ergänzt durch Begleitworte von Max Czollek und der Herausgeberin) einen realistischen Eindruck von Triers Kunst wie auch einer Form seines Engagements zu vermitteln.«
    (Martin Knepper, konkret)


    »Erschreckend aktuell« und »Treffender als Trier kann man die lügnerische Sprache der Kriegspropaganda sprachlich und zeichnerisch nicht fassen«.
    (Dr. Dierk Wolters, FNP)

    »Die 22 Zeichnungen sind nicht nur von kunsthistorischem Interesse. Es ist vor allem faszinierend, wie Trier Argumente aufgreift, wie sie heute noch im Krieg Russlands gegen die Ukraine auftauchen und im Wesentlichen darauf hinauslaufen: Ärgert den Aggressor nicht! Widerstand verlängert nur den Krieg, den doch niemand will!«
    (Ultimo)

     

    »Nazis als Witzfiguren: Versöhnungskirche zeigt Trier-Ausstellung.«

    (Sonntagszeitung)

     

    »Ein Berliner Kinderbuchillustrator, oder? Ja, auch das. Aber aus dem Exil in London formulierte Walter Trier 1942 in analytischer Schärfe und mit beißender Ironie für 22 Flugschriften das Vokabular in Nazi Deutschland. Nun gibt es sie als Nachdruck.«

    (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

     

    »Jeder kennt die Buchcover von »Emil und die Detektive« oder »Das fliegende Klassenzimmer«. Doch kaum jemand weiß, von wem sie stammen: Walter Trier. Der Illustrator malte während der NS-Zeit gegen Hitler, Göring und Goebbels an und stellte sie als Witzfiguren dar. Über Widerstand mit dem Stift.«

    »Triers moralischer Kompass ist geeicht, der sonst gütige Menschenfreund kann nicht einfach wegsehen, auch nicht im Londoner Exil, er ist wütend. Zum ideologischen kommt ein biografi­scher Hass: Die Nazis ermorden einen großen Teil seiner Familie im Konzentrationslager There­sienstadt. Er verteilt keine wohlmeinenden Seitenhiebe mehr, er verachtet schonungslos. Die Botschaft ist es, der seine Kunst jetzt dient. Seine Striche wirft er auf das Papier wie trotzige Worte.«

    (Süddeutsche Zeitung)

     

    »Es ist erschreckend, wie aktuell diese Broschüre nach 80 Jahren immer noch ist und gerade bei Favoritenpresse als fachkundig kommentiertes deutsch- und englischsprachiges Hardcover-Büchlein veröffentlicht wurde. ... Triers Broschüre zeigt, wie wichtig es ist, Dinge klar und deutlich auf den Punkt zu bringen, gerade wenn dies jemanden beleidigt.«

    (Comicxene)

     

    »Die Rede ist von Walter Trier, dessen Leben und Werk die Berliner Favoritenpresse in drei bemerkenswerten und längst überfälligen Publikationen und einem bewegenden Nachdruck würdigt.«

    (Matthias Schneider, Strapazin)

  • Gestaltung

    Gestaltet von Anna Busdiecker

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