»Du, ich war einmal ein grosser Zeichner, nur habe ich dann bei einer schlechten Malerin schulmässiges Zeichnen zu lernen angefangen und mein ganzes Talent verdorben. Denk nur! Aber warte, ich werde Dir nächstens paar alte Zeichnungen schicken, damit Du etwas zum Lachen hast. Jene Zeichnungen haben mich zu seiner Zeit, es ist schon Jahre her, mehr befriedigt, als irgendetwas.« So schrieb es Franz Kafka (1883–1924), den die Welt als einen der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts kennt, im Februar 1913 an seine damalige Verlobte Felice Bauer (1887–1960). Kafka interessierte sich als junger Student für Kunst und ihre Geschichte und zeichnete vor allem zwischen 1903 und 1907.
In diesem Buch sehen Sie zahlreiche, erst seit wenigen Jahren bekannte Zeichnungen Kafkas. Der spanische Kafka-Kenner und Autor dieses Buches, Jordi Llovet, schreibt in seinem Vorwort: »Um die Zeichnungen nicht isoliert zu präsentieren, haben wir einige Passagen von Kafka hinzugefügt, die wir seinen Erzählungen, Tagebüchern und seinem Briefwechsel entnommen haben. Diese Fragmente können viel oder wenig mit der Illustration zu tun haben, die sie begleiten. Manchmal fast gar nichts; doch erschien es uns unumgänglich, den Lesern diese Zeichnungen in Verbindung mit Texten anzubieten, da sie das Werk eines Schriftstellers und nicht eines professionellen Grafikers sind, auch wenn Kafka in seinen jungen Jahren daran gedacht hatte, diesen Beruf zu ergreifen.«
Über die Zeichnungen schreibt Autor Llovet: »Man kann nicht behaupten, dass Franz Kafka ein Zeichner von allererster Güte war, weder wenn man die Zeichen- und Malerei-Szene seiner Lebenszeit betrachtet, noch wenn man seine Zeichnungen im stets schwankenden Licht eines objektiven und anachronistischen Maßstabs betrachtet.«
Es gab einen, dem wir letztendlich all das verdanken können: Kafkas Freund, Förderer und Herausgeber Max Brod (1884–1968). Brod, wie Kafka in Prag geboren, war Schriftsteller, Musik- und Theaterkritiker. Auch wenn sein literarisches Werk heute nicht mehr von großer Bedeutung ist, so ist er doch bekannt als Herausgeber und Bewahrer von Kafkas Werken.
1968 starb Max Brod und fortan gehörten Briefe, handschriftliche Manuskripte und Original-Zeichnungen Kafkas seiner Lebensgefährtin und Sekretärin Ilse Ester Hoffe (1906–2007), die er als Erbin eingesetzt hatte. Hoffe lehnte alle Bitten um Veröffentlichung ab, hin und wieder erlaubte sie zumindest das Anschauen – gegen hohe Bezahlung. 1982 willigte sie schließlich in eine Kritische Ausgabe bei S. Fischer ein, allerdings ohne die Zeichnungen, die sie zuletzt in einem Züricher Bankschließfach aufbewahrte – und der Öffentlichkeit weiterhin vorenthielt.
Dann aber änderte sich nach langem Streit vor Gericht die Lage: Die jüdische Nationalbibliothek in Jerusalem erhielt den gesamten Nachlass von Max Brod! Und siehe da: Über 100 unbekannte Zeichnungen Kafkas, in Heften oder auf Zetteln, kamen zutage. Llovet schreibt in seinem Vorwort: »Die Folge dieses verwirrenden und fast unheimlichen Prozesses war, dass das spanischsprachige Publikum erst 2021 alle Zeichnungen Kafkas zu sehen bekam.«
Aus dem Vorwort von Jordi Llovet:
»Nur gelegentlich lässt sich in Kafkas Zeichnungen erkennen, dass sich der Autor an bestimmten zeitgenössischen Zeichnern wie Otto Mueller, Emil Nolde, Max Pechstein, Christian Rohlfs oder Karl Schmidt-Rottluff orientierte; doch weisen sie keinen offensichtlichen Einfluss dieser Künstler auf.«
»In Kafkas Werk findet sich Fantasie, insbesondere Vorstellungskraft, und eine gewisse Neigung, ungewöhnliche Situationen darzustellen, doch Kafka gehört nur sehr am Rande zur ›fantastischen‹ Literatur. Dasselbe gilt für seine ausgereifteren Zeichnungen: Sie sind im Allgemeinen schematisch, obwohl sie keine Figuren oder Situationen zeigen, die als ›surrealistisch‹ angesehen werden könnten. Im Übrigen betrachtete Kafka, der den Gedanken, Grafiker zu werden, sehr bald aufgab, seine Zeichnungen schließlich als eine Sammlung von ›Zeichen‹, die einer Schrift gleichkommen.
»Auch gegenüber Max Brod brachte er seine Vorliebe für das Zeichnen zum Ausdruck, eine Tätigkeit, die er, wie aus Brods Aussagen in seiner Biografie des Autors hervorgeht, auf eine Stufe mit dem Schreiben stellt: ›Liebster Max, meine letzte Bitte: alles was sich in meinem Nachlass (also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause und im Bureau, oder wohin sonst irgendetwas vertragen worden sein sollte und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuscripten, Briefen, fremden und eigenen, Gezeichnetem u.s.w. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder Gezeichnete, das Du oder andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.‹«
Franz Kafka – Zeichnungen und Notizen
Infos
Herausgegeben von Jordi Llovet
12 x 17 cm, 160 Seiten, ca. 120 Abbildungen, Fadenheftung, Klappenbroschur
Autor
Jordi Llovet (Jg. 1947) ist ein spanischer Literaturkritiker, Philosoph, Übersetzer und Essayist, der in Barcelona geboren wurde und bis heute dort lebt. Er war bis 2008 Professor für Literaturtheorie und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Barcelona, an der er selbst studiert hatte. Llovet hat zahlreiche literaturwissenschaftliche Essays geschrieben und Bücher herausgegeben. Als Übersetzer übertrug er französische Werke unter anderem von Paul Valéry, Gustave Flaubert und Voltaire ins Katalanische. Auch aus dem Deutschen übersetzte er zum Beispiel Texte von Friedrich Hölderlin, Rainer Maria Rilke, Robert Musil, Thomas Mann und vor allem von Franz Kafka.
1978 übersetzte Llovet Kafkas »Die Verwandlung«. Bereits seit 1971, mit Anfang 20, interessierte er sich für den deutschen Autor und befasste sich während eines Aufenthalts in Frankfurt intensiv mit dessen Werk. Llovet gilt deshalb heute als ausgezeichneter Kenner Kafkas und verantwortete 1996 die spanische Ausgabe des Gesamtwerks. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Presse
Presse zur Veröffentlichung von ersten Kafka-Zeichnungen:
»Wahrlich eine Sensation ist die Entdeckung des zeichnerischen Werks Franz Kafkas, das Adornos Behauptung der kafkaschen Buchstäblichkeit auf eigentümliche Weise untermauert.«
(taz, Tania Martini)
»Der Autor, zeitlebens von Selbstzweifeln und existenzieller Verzweiflung geplagt, hat Generationen von Leserinnen und Lesern mit seiner Prosa in den Bann geschlagen (…) Kafkas Zeichnungen wirken leichtfüssig, verspielt, ja fast schon fröhlich. (…) Es ist ein Konvolut, das den Blick auf den grossen Düsteren verändert.«
(SonntagsZeitung, Ewa Hess)
»Er kritzelte gern. Jetzt sind erstmals seine Zeichnungen dokumentiert. Und auch sie sind ziemlich kafkaesk!«
(ZEIT, Ijoma Mangold)
»Das Buch ermöglicht gänzlich neue Blicke auf den weltbekannten Autor und dessen bisher unbekanntes zeichnerisches Werk.«
(ORF-OE1, Sophie Menasse)
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